Bienenmärchen -1- -2-

 


Die Biene aus der Sicht der Esoteriker.

Nur wenige Tiere spielen in der Symbolik eine ähnlich große Rolle wie dieses staatenbildende Insekt. Schon in den ältesten Epochen der Menschheit wurde der Honig wilder Bienen gesammelt. Bereits früh wurde auch die Möglichkeit der Bienenhaltung entdeckt und damit ein großer Fortschritt bei der Sicherung des Lebensunterhaltes erzielt; Honig diente nicht nur zum Süßen und Vergären, sondern auch zur Herstellung von Heilmitteln, das Wachs zur Herstellung von Kerzen, später auch zum Metallguß in der "verlorenen Form" (à cire perdue), in Ägypten auch zum Mumifizieren von Leichen. Dort ist die Bienenzucht schon um 2600 v. Chr. belegt, und die Biene war hieroglyphisches Symbol des unterägyptischen Königtums. In Indien, wo das Wildhonigsammeln ertragreich ist, machte die Bienenzucht keine Fortschritte, hingegen ist sie in China sehr alt.

Da das Wort für Biene (feng) ähnlich dem für "Grafenwürde" klingt, liegt eine Ideenverbindung zur Karriereleiter nahe. Ansonsten war die Biene weniger Symbol des Fleißes als Bild des an Mädchenblüten naschenden jungen Verliebten. Auch in chinesischen Märchen helfen, wie in Europa, Bienen beim Herausfinden der richtigen Braut. - Im Abendland wird die Biene gern "Marien-" oder "Herrgottsvogel" genannt und gilt als Seelensymbol. Wer im Traum eine Biene sieht, hat den nahen Tod - die davonschwirrende Seele - vor Augen. Wenn aber eine Biene einem Toten in den Mund fliegt, wird er wieder lebendig. "Bienenweg" war die germanische Umschreibung der von Totenseelen erfüllten Luft.

Im Mittelmeerraum herrschten vielfach kuriose Vorstellungen über das Leben der Bienen; sie galten als geschlechtslos, und es hieß, sie entstünden aus verwesenden Tierkörpern, hätten kein Blut und atmeten nicht. Vermenschlichende Vergleiche nannten die Bienen tapfer, keusch, fleißig, sauber, einträchtig im Staatsverband lebend und mit Kunstsinn begabt ("Vögel der Musen"). Eleusinische Priester und Priesterinnen hießen "Bienen". Da die Winterruhe der Bienen mit dem Tod gleichgesetzt wurde, galten sie auch als Auferstehungssinnbild.

Die christliche Bilderwelt konnte sich diese Vergleiche nicht entgehen lassen. Die Unermüdlichkeit der Biene bei der Arbeit für ihre Gemeinschaft galt als vorbildlich. St. Ambrosius verglich die Kirche mit dem Bienenkorb, die frommen Gemeindemitglieder mit den Bienen, die von allen Blüten nur das Beste sammelten und den Rauch der Hoffart scheuten. Die Vorstellung, Bienen lebten nur vom Duft der Blumen, machte sie zum Symbol der Reinheit und Enthaltsamkeit, für Bernhard von Clairvaux zum Sinnbild des Heiligen Geistes.

Dem einfachen Volk galt die Biene früher als königliches Symbol, da die Königin der Bienen lange als König angesehen wurde. Das französische Lilienwappen wird hypothetisch vom stilisierten Bild einer Biene abgeleitet. - Die Süße des Honigs wurde zum Symbol der "honigsüßen" Beredsamkeit von St. Ambrosius und St. Johannes Chrysostomus ("Goldmund"). Als Christus-Symbol diente ebenfalls die Süße des Honigs (Milde), jedoch in Verbindung mit dem scharfen Stachel beim Weltgericht. Die Vorstellung, auch aus der Antike übernommen, daß Bienen ihre Brut nicht selbst zeugen, sondern aus den von ihnen besuchten Blüten aufsammeln, machte die Biene auch zum Symbol der Jungfrau Maria.

Mittelalterliche Tierbücher haben auch die "Kunstfertigkeit und Anmut des Wabengewebes beschrieben, die gleichmäßigen Sechsecke der Zellen, die sie (die Bienen) mit hartem Wachs begrenzen und mit Honig füllen, der aus dem Tau gerinnt, den sie von den Blüten bringen... Der Honig kommt in holder Gleichmäßigkeit ebenso Königen wie gewöhnlichen Menschen zugute. Er dient nicht bloß dem Genuß, sondern auch der Gesundheit, ist süß für den Gaumen und heilsam für Wunden. So ist eine Biene zwar arm an Kräften, dafür stark durch die Macht der Weisheit und die Liebe der Tugend" (Unterkircher). -

Das Märchen, wie Bienen und Pflanzen zueinanderfanden

Es war einmal vor langer, langer Zeit, vor Millionen von Jahren, da waren es die meisten Pflanzen eines Tages leid, in Liebesdingen immer noch Zufall und Willkür ausgesetzt zu sein. Denn wenn sie sich lieben und befruchten wollten, dann waren sie damals auf den Wind angewiesen, der die Blütenpollen von Pflanze zu Pflanze trug - wenn er wollte. Meistens war das ja der Fall, doch des öfteren wehte er zu früh oder zu spät oder gerade dann nicht, wenn die Pflanzen ihre Blüten weit geöffnet hatten, die Stempel voll waren mit unzähligen Pollen und sie bereit waren für die Liebe und Fortpflanzung. Auf Dauer gesehen war dieses Liebessystem zur Arterhaltung ganz schön anstrengend, mußten sie doch Unmengen von Blütenstaub produzieren und vielleicht sogar öfters blühen, wenn zum richtigen Zeitpunkt nichts ging, nicht einmal der Wind. Kurzum, sie hatten die Nase voll und wollten eine
Veränderung herbeiführen.
Dazu ließen sie überall verkünden: "Wir suchen zuverlässige Kreaturen, belastbar, verantwortungsbewußt, intelligent, fleißig, mobil, mit flexiblen Arbeitszeiten, und das in möglichst großer Zahl. Wir bieten Lebensstellung für alle Zeiten, auch für die Nachkommenschaft ist genug Arbeit da." Als Belohnung sollten die Erwählten dann auf eine ganz besondere Weise an dem Liebesspiel der Pflanzen teilhaben dürfen.
Alles setzte Beine und Flügel in Bewegung, um diese Lebensaufgabe für sich und seine Nachkommen zu ergattern.
Läuse und Käfer waren darunter, Ameisen, Fliegen, Schmetterlinge, Hummeln, Wespen und Bienen kamen herbei. Viele von ihnen erfüllten eine Reihe der geforderten Voraussetzungen und einige Pflanzen liebäugelten mit ihnen, z.B. mit den Hummeln oder mit den Schmetterlingen, je nach dem, wie ihre Blüten gestaltet waren und gingen Teilverträge mit ihnen ein.
Auch die Ameisen waren hohe Favoriten gewesen, allein schon wegen ihrer großen Zahl und der Tatsache, daß sie fast überall hinkamen, aber sie hatten zu kleine Zungen und Rüssel und schieden deshalb zuletzt aus. Doch sie kamen auch nicht zu kurz, sie durften die Blattläuse als Melktiere halten.
Den Zuschlag bekamen die Bienen. Denn sie waren nicht nur zuverlässig, belastbar, fleißig, mobil etc. sondern sie waren sogar in der Lage, mittels ihrer Flugkünste vom Himmel aus festzustellen, welche Pflanzengattung gerade reif für die Liebe war. Außerdem konnten sie mittels eines Tanzes ihre Sammelschwestern im Bienenstock informieren und in großer Zahl mobilisieren.
Jetzt waren die Pflanzen am Ziel ihrer Wünsche angekommen: Jedesmal, wenn sie reif für die Liebe waren, signalisierten sie dies den Bienen mit bunten, farbenprächtigen Blüten und verführerischen Düften. Sie sollten kommen, um sich ihre Belohnung abzuholen. Und was war das? Ein kleines Tröpfchen Nektar am Grunde des Blütenkelchs durften sich die Bienen einverleiben. Und so sollten sie teilhaben an der Süße der Liebe und sollten so belohnt werden
für ihre Dienste.
Und ihre Aufgabe? Ja das war sie schon im Prinzip. Denn die Bienen kamen ganz eifrig, angelockt von der Buntheit der Blüten und der Süße der Düfte und sie tauchten ein in die Kelche mit ihren Blütenstaubgefäßen, um mit ihrer Zunge oder dem Rüssel das kostbare Nektartröpfchen zu ergattern. Und jedesmal, wenn sie sich in die Blütenkelche mit ihrer Zunge, ihrem Kopf oder mit dem ganzen Körper hineinzwängten, berührten sie die Blütenstempel auf denen massenweise und ganz locker Pollen saßen. Die Pollen waren so klein wie Staubkörner, deshalb heißen sie auch Blütenstaub, und sie hingen sich überall auf der Biene in ihrem Haarkleid ein. Auf diese Weise ließen sie sich per Bienenexpreß zur nächsten Blüte transportieren und dort wieder abstreifen.
Nur die Bienen konnten mit ihrer großen Zahl und ihrem Fleiß alle Blumen einer Gattung, die ja fast immer gleichzeitig blühten besuchen. Ja, die geflügelten Helfer durften sogar die Pollen behalten, die sich in ihren Haaren
verfangen hatten und zur Befruchtung nicht mehr gebraucht wurden. Als reinliche Tiere bürsteten und putzten sich die Bienen immer wieder, sammelten die Pollen an den Hinterbeinen, wo sie beim Fliegen am allerwenigsten störten und brachten sie so in ihren Stock.
So machten sich die Pflanzen unabhängig vom Wind und sie liebten sich ab jetzt immer dann, wenn sie wollten, befruchteten sich und sorgten für zahlreiche Nachkommenschaft. Das System hat sich ganz schnell bewährt, und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben!

Die Bienenkönigin

Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer und gerieten in ein wildes, wüstes Leben, so daß sie gar nicht wieder nach Haus kamen. Der jüngste, welcher der Dummling hieß, machte sich auf und suchte seine Brüder.
Aber wie er sie endlich fand, verspotteten sie ihn, daß er mit seiner Einfalt sich durch die Welt schlagen wollte, und sie zwei könnten nicht durchkommen und wären doch viel klüger.
Sie zogen alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen. Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen, aber der Dummling sagte: "Laßt die Tiere in Frieden, ich leid's nicht, daß ihr sie stört !"
Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten. Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach: "Laßt die Tiere in Frieden, ich leid's nicht, daß ihr sie tötet !"
Endlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig, daß er am Stamm herunterlief. Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: "Laßt die Tiere in Frieden, ich leid's nicht, daß ihr sie verbrennt !"
Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen, auch war kein Mensch zu sehen, und sie gingen durch alle Ställe, bis sie vor eine Türe ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser; es war aber mitten in der Türe ein Lädlein, dadurch konnte man in die Stube sehen. Da sahen sie ein graues Männchen, das an einem Tisch saß. Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte nicht.
Endlich riefen sie zum drittenmal; da stand es auf, öffnete die Schlösser und kam heraus. Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie zu einem reichbesetzten Tisch; und als sie gegessen und getrunken hatten, brachte es einen jeglichen in sein eigenes Schlafgemach.
Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten, winkte und leitete ihn zu einer steinernen Tafel, darauf standen drei Aufgaben geschrieben, wodurch das Schloß erlöst werden könnte.
Die erste war: In dem Wald unter dem Moos lagen die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl; die mußten aufgesucht werden, und wenn vor Sonnenuntergang noch eine einzige fehlte, so ward der, welcher gesucht hatte, zu Stein. Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag, als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden; es geschah, wie auf der Tafel stand: Er ward in Stein verwandelt. Am folgenden Tage unternahm der zweite Bruder das Abenteuer; es ging ihm aber nicht viel besser als dem ältesten, er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und ward zu Stein. Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos; es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam. Da setzte er sich auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig, dem er einmal das Leben erhalten hatte, mit fünftausend Ameisen, und es währte gar nicht lange, so hatten die kleinen Tiere die Perlen miteinander gefunden und auf einen Haufen getragen.
Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zu der Schlafkammer der Königstochter aus dem See zu holen.
Wie der Dummling zum See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter und holten den Schlüssel aus der Tiefe.
Die dritte Aufgabe aber war die schwerste: Von den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden. Sie glichen sich aber vollkommen und waren durch nichts verschieden, als daß sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel Honig. Da kam die Bienenkonigin von den Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte, und versuchte den Mund von allen dreien, zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und so erkannte der Königssohn die Rechte.
Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlaf erlöst, und wer von Stein war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder. Und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten und liebsten und ward König nach ihres Vaters Tod, seine zwei Bruder aber erhielten die beiden andern Schwestern.

Der Angsthonig

Es war einmal ein Bienenschwarm, der lebte hoch in der Luft in seinem Bienenstock. Den Bienenstock hatten die Bienen natürlich an einem Baum befestigt. Eines Tages im Mai flog eine kleine Biene aus dem Bienenstock.Sie war noch ein Kind, wenn man das von jungen Bienen behaupten kann. Sie wollte die Welt einmal von außen sehen. Weil sie nicht nach draußen durfte, hatte sie sich bisher die Welt nur vorstellen können. "Es ist dort viel zu gefährlich!", hatten die alten, erfahrenen Bienen gesagt. So wusste die Biene nur aus Geschichten, wie es in der Welt zuging.
Sie flog also aus dem Bienenstock und sah, wie schön alles war. Es war ein Sonnentag, und die Blumen blühten und dufteten so herrlich, dass die Biene sich nicht vorstellen konnte, dass die Welt gefährlich für sie sei. Sie schnüffelte hier und da und setzte sich schließlich auf eine besonders große, duftende und schöne Blume. Sie aß und trank, und als sie satt war, flog sie weiter. Dann sah sie eine rote Rose und setzte sich darauf. Sie genoss ihre Freiheit und konnte vom Fliegen gar nicht genug bekommen. Als sie nach dieser herrlichen Stunde den Heimflug antreten wollte, wusste sie nicht mehr, wo sie war. Sie hatte sich verirrt! Die Biene guckte um sich und versuchte, eine bekannte Stelle wiederzufinden. Aber vergebens!
Plötzlich fühlte sie sich wie unter einem Dach. Über ihr funkelte ein Glas in der Sonne. Davon hatte ihr nie jemand erzählt. Ein Junge hatte sie in einem Einmachglas gefangen und brachte sie jetzt in sein Zimmer, um sie zu beobachten.Als die Biene in dem Einmachglas auf der Fensterbank stand, rief sie schluchzend: "Ach bitte, lass mich hier raus! Die Luft hier drin ist schlecht, und mein Bienenschwarm wartet schon auf mich." Der Junge antwortete: "Ich lass dich nicht aus dem Glas, nachher stichst du mich noch." Dann ging er aus dem Zimmer und ließ die Biene allein.
Der Tag verstrich nur sehr langsam. "Hilfe, Hilfe! Muss ich hier gefangen bleiben?", rief die Biene immer wieder. Eine Spinne, die von ihrem Lärm aufgewacht war, kam zu ihr, kletterte auf den Deckel und sprach durch die Löcher, die der Junge in den Deckel gebohrt
hatte, damit die Biene Luft bekam: "Ich kann dich nicht befreien, aber du darfst nicht aufgeben! Du musst weiter rufen und fliegen! Immerhin kannst du dich jetzt nicht in meinem Netz verfangen!"
Der Junge hatte zwar ein paar Blumen in das Glas gelegt, aber die Biene wollte frei fliegen und sich die Welt angucken. Endlich wurde es dunkel, und es wurde Abend. Als der Junge in sein Zimmer kam, flehte die Biene noch einmal, sie aus dem Glas zu lassen, aber der Junge lehnte ab. Die Biene hatte die ganze Zeit verzweifelt überlegt, wie sie sich befreien könnte. Endlich fiel ihr etwas ein. Die Eltern hatten ihr gesagt: "Wenn du in Gefahr kommst, dann produzierst du Angsthonig mit besonderen Kräften. Der wird dir helfen." Den wollte sie jetzt nutzen.
Nach einer endlosen Stunde kam die Spinne wieder, und diesmal sagte sie: "Ich habe es mir überlegt. Ich werde dich befreien, wenn du mir etwas dafür gibst." - "Ich habe einen Wunderhonig, der Zauberkräfte hat", antwortete die Biene. Die Spinne forderte: "Den will ich erst probieren!" Da gab ihr die Biene den Honig durch die Luftlöcher, und die Spinne probierte. Sofort fühlte sie sich kräftiger.
Sie schmiedeten den Plan, dass die Spinne ein Netz um das Glas spinnen und es damit umwerfen sollte. Und genauso geschah es. Als das Glas auf dem Boden zerbrochen war, kam die Biene endlich frei und gab der Spinne den versprochenen Wunderhonig. Dann schwirrte sie durch das Zimmer und versuchte, einen Weg ins Freie zu finden. Aber sie hatte kein Glück. Die Biene sah auch, dass die Spinne immer mehr von dem Wunderhonig aß, und sie bekam Angst vor ihr.
Glücklicherweise kam der Junge, und die Biene stach ihn. Sofort entfaltete der Wunderhonig seine hypnotisierende Wirkung.Die Biene wusste das natürlich genau. Schnell flog sie zum Ohr des Jungen und säuselte: "Mach das Fenster auf! Mach das Fenster auf!" Der Junge schritt wie ein Roboter zum Fenster und öffnete es auf Befehl. Sogleich flog die Biene hinaus in die Freiheit. Schon bald sah sie in der Ferne ihren Bienenschwarm, der schon verzweifelt nach ihr suchte. Glücklich flog sie zu ihrem Volk und erzählte allen, wie es ihr schließlich mit Hilfe der Spinne und ihres Angsthonigs gelungen war, sich aus dem gläsernen Gefängnis des Bienenfängers zu befreien.

(Ausgedacht und aufgeschrieben im Jahre 1997 von Johannes, 12 Jahre.)


Es war einmal ein kleiner Prinz in einem fernen Land. Dieser kleine Prinz war ein neugieriger Prinz, er wollte alles wissen. So kam es nicht selten vor, dass er seinen Eltern, dem König und der Königin des fernen Landes, und ihren Mägden und Knechten stundenlang Löcher in den Bauch fragte.

Eines Tages hörte der kleine Prinz ganz zufällig, wie sich zwei Mägde über das Kinderkriegen unterhielten. Das hatte der kleine Prinz noch nie gehört, dass man Kinder kriegen kann. Das Gespräch der beiden Mägde hatte seine Neugierde geweckt. So kam es,
dass er schließlich seine Mutter fragte, wie das denn ginge, das mit dem Kinderkriegen. Seine Mutter antwortete ihm folgendes: "Meine kleiner Prinz, um dir alles zu erzählen, was es damit auf sich hat, bist du noch zu jung. Deshalb möchte ich dir diese Sache an einem Beispiel erklären. Sieh mal die Bäume. In gewisser Weise kriegen die Bäume auch Kinder. Wenn ein neuer kleiner Baum wächst, dann haben zwei größere Bäume ein Kind gekriegt." - "Und wie
soll das gehen?" fragte der kleine Prinz, "die Bäume können sich doch gar nicht bewegen." - "Die Bäume nicht, doch dafür haben sie kleine Helfer. Hör zu", antwortete seine Mutter, die Königin, und der kleine Prinz hörte aufmerksam zu. "Die Bäume haben Blüten, die die Bienen anlocken. Die Bienen essen von den Blüten und nehmen dafür den Blütenstaub zu einer anderen Blüte mit. Wenn sie dann zu einer anderen Blüte geflogen sind, geben sie dort den Blütenstaub wieder ab. Die Blüte nimmt den Blütenstaub auf und wächst zu einer Frucht. Wenn diese Frucht in die Erde fällt, wächst sie zu einem Baum." - "Und mit den Menschen ist das ganz ähnlich?" fragte der kleine Prinz. "Und mit den Menschen ist das ganz ähnlich", antwortete seine Mutter, die Königin, und lächelte. Und der kleine Prinz war erst einmal zufrieden.
Doch nach einer Weile begann der Prinz sich Gedanken zu machen, was denn bei den Menschen nicht ganz so ist wie bei den Bienen, wo denn der Unterschied läge. Und so war seine Neugierde erneut geweckt. Und weil er wusste, dass er von seiner Mutter noch keine andere Antwort bekommen würde, weil er noch zu jung war, und weil seine Neugierde doch so unersättlich war, suchte er die beiden Mägde, die er über das Kinderkriegen sprechen gehört hatte.
Er fand auch eine der beiden Mägde, als sie gerade dabei war, den Tisch für das Mittagessen
herzurichten. "Du hast doch einmal über das Kinderkriegen gesprochen" sprach der kleine Prinz sie an, denn er war gar nicht schüchtern, "kannst du mir erzählen, wie das geht?" - "Im Moment habe ich sehr viel zu tun, aber frag mich doch nach dem Essen noch mal", antwortete ihm die Magd. Am liebsten hätte der kleine Prinz die Antwort natürlich sofort gewusst, jetzt musste er auf das Ende des Mittagessens warten. Während des Essens hatte der Prinz gar keinen rechten Appetit, weil er immerzu an die Antwort denken musste, die ihm die Magd eben würde. Schließlich war er sehr neugierig. Beinahe hätte er wegen seiner Appetitlosigkeit großen Ärger von seinem Vater, dem König, bekommen, doch seine Mutter, die Königin, konnte ihn gerade noch besänftigen.
Nach dem Essen lief der kleine Prinz voller Neugierde zu der Magd, die jetzt auch für ihn Zeit hatte. Während des Essens hatte sie sich überlegt, was sie denn dem kleinen Prinzen sagen sollte. Natürlich hätte sie dem unerfahrenen kleinen Jungen einen vom Pferd erzählen können, oder sogar, wie es wirklich war. Doch sie besann sich ihres höfischen Anstandes und erzählte dem kleinen Prinzen nichts anderes als die Geschichte von den Bienen. Der kleine Prinz war
enttäuscht. Er hatte gehofft, etwas mehr zu erfahren. Und weil er immer noch sehr neugierig war, fing er an, alle Leute im Schloss nach dem Kinderkriegen zu fragen. Doch alle Leute im Schloss, die er fragte, besannen sich ihres höfischen Anstandes, und so hörte er außer der Geschichte mit den Bienen nur noch die Geschichte vom Storch, der die neugeborenen Kinder bringt, die er aber nicht so recht glauben konnte.
Weil der kleine Prinz aber so viele Leute im Schloss gefragt hatte, blieb es nicht aus, dass seine Eltern, der König und die Königin, schließlich von seiner Fragerei Wind bekamen. Sie waren sehr erbost über den kleinen Prinzen. "Deine Mutter hat dir doch alles was du in deinem Alter darüber wissen musst, schon erklärt. Dich damit nicht zufrieden zu geben, war sehr ungezogen", schimpfte sein Vater, der König.
"Außerdem ist dies ein sehr unanständiges Thema, über das du als Königssohn nicht sprechen solltest. Zur Strafe darfst du in diesem Sommer nicht mehr ausreiten. Das soll dir eine Lehre sein." Und das war dem kleinen Prinzen eine Lehre. Er ritt doch so gerne und vermisste das Reiten in diesem Sommer sehr.
So kam es, dass der kleine Prinz zwar noch neugierig war, sich aber immer öfter auf seinen höfischen Anstand besann und zu unanständigen Themen keine Fragen mehr stellte. So wuchs der Prinz auf, als anständiger Nachfolger seines Vaters.
Schließlich kam die Zeit für den kleinen Prinzen, der jetzt schon ein junger Mann geworden war, zu heiraten. Er fand auch eine schöne Prinzessin, die zufällig auch die Tochter des Königs aus dem Nachbarland war. Er liebte sie sehr, denn sie liebte die gleichen Dinge wie er und war außerdem, wie er, von Grund aus anständig. Ihre Hochzeit war ein großes Ereignis und wurde ausgiebig gefeiert.
Es kam die Zeit, dass die beiden Könige zu alt wurden, um ihre beiden Länder zu regieren. Und so wurde der kleine Prinz, der jetzt schon ein reifer Mann war, König über die beiden Länder. Und seine Frau, die Prinzessin, wurde Königin. Und die beiden waren glücklich und zufrieden, hofften aber immer noch vergeblich darauf, Kinder zu kriegen. Sie hatten extra den Garten vergrößert, um noch mehr Bienen anzulocken, aber so recht wollte den König und die Königin keine von den Bienen bestäuben. Sie wussten, dass sie irgendetwas falsch machten, trauten sich aber wegen ihres höfischen Anstandes nicht zu fragen.
In den beiden Ländern brach große Trauer aus, dass der König und seine Königin immer noch keine Kinder hatten. Die Familien der beiden hatten die Länder nämlich immer gut regiert, und das Volk hatte Angst vor der Ungewissheit.
So lebten der König und seine Königin noch viele Jahre kinderlos, und ihre beiden Länder in Trauer. Und wenn sie nicht gestorben sind, so sind sie über ihre Kinderlosigkeit immer noch unglücklich und unzufrieden bis an ihr Lebensende.
(Philipp Pulger)

Das Märchen von Maruf

In Kahirah lebte einst ein Schuhflicker, mit dem Namen Maruf, der eine sehr böse und schlechte Frau hatte, die ihn auf alle mögliche Weise kränkte, Er ließ sich alles gefallen, um öffentliche Szenen zu vermeiden, wurde aber auch immer ärmer, weil er, um Frieden zu haben, alles, was er verdiente, für seine Frau ausgeben mußte. Eines Tages sagte ihm Fatma, so hieß diese böse Frau:
"Heute muß ich einen Honigkuchen von Bienenhonig haben." Er antwortete: "Gott gebe mir die Mittel dazu, so will ich dir ihn verschaffen; im Augenblick besitze ich aber keinen Drachmen. Doch Gott wird mir helfen." - "Ich lasse mich nicht auf solche Redensarten ein", erwiderte Fatma; "bringst du mir diesen Abend keinen Honigkuchen, so erwartet dich eine bittere Nacht." - "Gott ist gnädig", sagte Maruf tief seufzend; dann betete er das Morgengebet, ging in seine Butike und flehte Gott um Arbeit an, daß er in den Stand gesetzt werde, seiner Frau einen Honigkuchen zu kaufen. Aber sein Gebet blieb unerhört: Er saß bis mittags in seiner Bude, ohne daß ihm die geringste Arbeit gebracht wurde, so daß er nicht einmal Brot, viel weniger Kuchen kaufen konnte.
Mit Tränen in den Augen schloß er seine Butike und machte sich auf den Weg nach Hause. Da winkte ihm ein Kuchenbäcker, den sein betrübtes Aussehen rührte, und fragte ihn, was ihm zugestoßen sei. "Ich fürchte mich vor meiner Frau", antwortete Maruf, "denn ich soll ihr einen Honigkuchen bringen und habe nicht einmal Geld zu Brot." - "Beruhige dich", sagte der Kuchenbäcker, "wieviel Pfund willst du?" - "Fünf Pfund", antwortete Maruf. "Schon gut", sagte der Bäcker, "ich habe Butter und Honig, zwar nicht von Bienen, jedoch von Zuckerrohr, der besser als Bienenhonig ist, ich will dir einen Kuchen backen, der wert wäre, Königen vorgelegt zu werden, Willst du nicht auch etwas Brot und Käse? Nimm nur, was du bedarfst, ich borge dir einige Tage, bis Gott dir hilft. Hier hast du auch noch etwas Geld, gehe dafür ins Bad und bringe dann einen vergnügten Abend bei deiner Frau zu." Maruf ging, dem Kuchenbäcker und Gott für diese Gnade dankend, mit Kuchen, Brot und Käse nach Hause und brachte alles seiner Frau.
Als sie aber sah, daß der Kuchen nicht von Bienen-, sondern von Zuckerrohrhonig gemacht war, fragte sie ihn: "Warum handelst du gegen meinen Willen? Habe ich nicht einen Kuchen von Bienenhonig begehrt?" Maruf entschuldigte sich damit, daß er ihn nicht für bares Geld kaufen und daher auch nicht lange wählen konnte, Aber Fatma kehrte sich nicht an seine Worte, sondern geriet in heftigen Zorn, schmähte ihn und schlug ihm einige Zähne aus; als er hierauf seinen Zorn nicht länger bemeistern konnte und auch ihr eine Ohrfeige gab, faßte sie ihn am Bart und schrie so laut, daß alle Nachbarn herbeieilten, um den Frieden wieder herzustellen.
Sobald sie wieder allein waren, schwor sie, sie werde nichts vom Kuchen essen; Maruf aber, den sehr hungerte, aß davon. Da sagte sie: "Möchte der Kuchen doch zu Gift in deinem Leib werden!" Er ließ sie aber fluchen und erwiderte lachend: "Da du geschworen hast, den Kuchen nicht zu berühren, so muß ich ihn wohl allein essen; ein andermal bringe ich dir einen Kuchen von Bienenhonig, den magst du dann allein verzehren."
Am folgenden Tag saß Maruf in seiner Bude, da kamen auf einmal zwei Gerichtsdiener auf ihn zu und luden ihn vor den Kadhi. Hier fand er seine Frau mit verbundenem Arm und blutigem Schleier, und die Augen mit Tränen gefüllt. Der Kadhi sagte ihm:
"Fürchtest du Gott nicht, daß du deine Frau so mißhandelst?" Da erzählte ihm Maruf die Ursache ihres Streites und berief sich auf das Zeugnis seiner Nachbarn. Der Kadhi, welcher ein sehr guter Mann war, schenkte ihm einen Viertelsdinar und sagte ihm: " Kaufe dafür einen Kuchen von Bienenhonig und lebe in Frieden mit ihr." Maruf bat den Kadhi, das Geld seiner Frau zu geben, und hoffte nun wieder einige Ruhe vor ihr zu haben. Aber kaum war er in seine Bude zurückgekehrt, da kamen die Gerichtsdiener und forderten ihren Lohn für die Vorladung. Maruf sagte ihnen: "Der Kadhi hat mir ja nicht einmal etwas abgenommen, ja, er hat meiner Frau sogar noch Geld geschenkt, wie soll ich euch etwas geben?" - "Der Kadhi mag tun, was er will", erwiderten die Gerichtsdiener, "wir müssen unseren Lohn haben, und wenn du ihn uns nicht gibst, so werden wir ihn schon nehmen." Hierauf schleppten sie ihn auf die Straße und nötigten ihn, die Geräte seiner Bude zu verkaufen. Er saß jetzt trostlos in seiner Bude und dachte mit Schaudern daran, daß ihm nunmehr kein Mittel mehr bliebe, etwas zu verdienen. Da kamen wieder Gerichtsdiener und forderten ihn vor Gericht wegen Mißhandlungen, die er sich gegen seine Frau zuschulden hatte kommen lassen. "Aber der Kadhi hat ja den Frieden zwischen uns hergestellt und mich entlassen!" sagte Maruf. "Wir sind die Diener eines anderen Kadhi", erwiderten sie, "bei dem dich deine Frau von neuem angeklagt: Folge uns also." Maruf ging mit ihnen und erzählte dem Kadhi den ganzen Vorfall im Hause und vor dem ersten Kadhi. Fatma behauptete aber, er habe sie nachher wieder geschlagen; indessen wurde Maruf doch wieder entlassen. Aber auch diese Diener mußte er bezahlen, so daß ihm von dem Geld, das er für seine Gerätschaften gelöst hatte, nur noch einige Pfennige übrigblieben. Er ging dann wieder in seine Bude und saß ganz von Sinnen wie ein Betrunkener da, als einer seiner Bekannten ihm zurief: "Flüchte dich, so schnell du kannst, denn deine Frau hat bei der hohen Pforte eine Klage gegen dich erhoben." Maruf schloß schnell die Bude, kaufte für sein übriges Geld etwas Brot und Käse, lief vor das Siegestor und flüchtete sich in ein verfallenes Gebäude, das ihm auch gegen den wie aus Schläuchen herabstürzendem Regen einigen Schutz gewährte. Hier weinte er bitter und rief: "Wo finde ich Ruhe vor meiner verruchten Frau! O Gott, sende mir doch jemanden, der mich in ein fernes Land bringt, wohin sie keinen Weg findet!" Bei diesen Worten spaltete sich die Mauer und ein sehr langer Genius trat heraus, von schauderhaftem Aussehen, und sagte ihm: "Was störst du mich in meiner Ruhe? Ich wohne nun schon zweihundert Jahre hier und bin von keinem Menschen beunruhigt worden; doch sage mir, was du begehrst, denn du flößest mir Mitleid ein." Maruf erzählte ihm, wie er von seiner Frau stets gepeinigt werde und daß er nichts sehnlicher wünsche, als irgendwo hingebracht zu werden, wo sie ihn nicht verfolgen könne. Der Genius nahm ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm die ganze Nacht durch. Beim Anbruch der Morgenröte setzte er ihn auf dem Gipfel eines Berges ab und sagte ihm: "Am Fuß dieses Berges findest du eine Stadt; gehe hinein, du bist darin sicher vor den Verfolgungen deiner Frau. " Maruf blieb, über seine Lage mit Erstaunen nachdenkend, auf dem Berg liegen, bis die Sonne aufging; dann stieg er den Berg hinab, um in die Stadt zu gehen. Er fand sie außerordentlich schön, von hohen Mauern umgeben und mit zahlreichen Palästen geschmückt, so daß ihr Anblick jedes Herz erfreuen mußte. Er erregte aber so großes Aufsehen in der Stadt, daß viele Leute sich um ihn versammelten, um seine Kleidung, welche von der ihrigen ganz verschieden war, zu bewundern. "Ihr seid hier fremd", sagte ihm einer von den Bewohnern der Stadt; "woher seid ihr?" - "Ich bin aus Kahirah." - "Und wann habt ihr eure Hauptstadt verlassen?" - "Gestern abend." - "Ich glaube, ihr seid verrückt: Wie, ihr wollt gestern abend noch in Kahirah gewesen sein, während man von Kahirah hierher ein ganzes Jahr zu reisen hat?" - "Ihr seid verrückt, nicht ich, ich sage die Wahrheit; hier könnt ihr noch Brot sehen, das ich gestern in Kahirah gekauft." Er zeigte ihnen hierauf das Brot, das er in der Tasche hatte; alle Leute drängten sich heran, um es zu sehen, denn es glich dem ihrigen gar nicht. Viele glaubten nun, was Maruf von seiner Reise erzählte; andere indessen hielten ihn für einen Lügner und verspotteten ihn. Während nun die Leute so miteinander über Maruf stritten, kam ein Kaufmann, von zwei Sklaven begleitet, auf einem Maulesel herbeigeritten, trieb die Leute auseinander und machte ihnen Vorwürfe, daß sie einen fremden Menschen so zum Gegenstand ihres Spottes machten. Er nahm dann Maruf mit nach Hause und ließ ihm sogleich schöne Kleider reichen, in denen er wie der Oberste der Kaufleute aussah; dann ließ er ihm die köstlichsten Speisen und Getränke vorstellen. Erst als sie gegessen und getrunken hatten, fragte der Kaufmann seinen Gast nach Namen, Stand und Heimat. Als Maruf über alles Auskunft gegeben hatte, fragte der Kaufmann: "Aus welchem Quartier Kahirahs seid ihr?" -"Seid ihr denn in Kahirah bekannt?" - "Ich bin daselbst geboren!" - "Nun, ich bin aus dem roten Quartier." - "Kennt ihr den Drogisten Ahmed?" - "Allerdings, er ist mein Nachbar; sein Haus steht dicht neben dein meinigen." - "Befindet er sich wohl?" - "O ja, es geht ihm recht gut." -"Wie viele Kinder hat er und was ist aus ihnen geworden?" - "Er hat drei Söhne: Der eine heißt Mustafa, der andere Mohammed und der dritte Ali. Mustafa ist Professor geworden, Mohammed Drogist, und Ali, der als Knabe mit mir in den Kirchen herumlief, um die Bücher der Christen zu stehlen und zu verkaufen, ist vor zwanzig Jahren aus Kahirah entflohen, weil er einmal von den Christen ertappt wurde und sein Vater ihn deshalb gar zu arg prügelte. Seither hat kein Mensch mehr etwas von ihm gehört."
Der Kaufmann erwiderte: "Nun, Maruf, ich bin dein Jugendfreund Ali, Sohn des Drogisten Ahmed: Sei mir willkommen und erzähle mir, wie du so hierhergekommen bist." Maruf erzählte ihm hierauf die ganze Geschichte seiner Frau bis zu seiner Flucht vor das Siegestor; dann, wie ein Genius seinen Wunsch, an einen Ort gebracht zu werden, wo Fatma ihn nicht finden könne, erfüllte und ihn auf dem Gipfel des Berges vor der Stadt absetzte, Dann bat er Ali, ihm nun auch zu sagen, wie er hierhergekommen, wie diese Stadt heiße und wie er zu so großen Reichtümern gelangte. "Meine Reise hierher", antwortete Ali, "ging nicht so schnell, ich trieb mich seit meinem siebten Jahr in der Welt umher, bis ich hierher kam. Hier beschloß ich, mich anzusiedeln, weil ich bald sah, daß die Bewohner dieser Stadt, welche Ichtian Alchuta heißt, sehr gute rechtschaffene und mildtätige Leute sind; auch bemerkte ich, daß man hier gar nichts von einer Lüge weiß. Ich gab mich daher für einen fremden Kaufmann aus und bat einen der hiesigen Kaufleute, mir tausend Dinare zu leihen, bis meine Waren ankommen würde. Für dieses Geld kaufte ich Waren, mietete mir einen Laden und fing an zu handeln, bis ich reich wurde. Benutze auch du nun den Umstand, daß dich hier niemand kennt, und gib dich nicht für einen vor seiner Frau geflüchteten Schuhflicker aus; sage auch nicht, daß du in einer Nacht von einem Genius hierhergetragen wurdest, denn man würde dich nur verspotten, und diejenigen, welche es glauben, würden sich vor dir als einem verhexten Menschen fürchten und deine Nähe scheuen. Morgen will ich dir tausend Dinare geben und einen Maulesel mit einem meiner Diener leihen. Du reistest dann auf den Bazar, wo ich dich erwarten und mit vieler Auszeichnung aufnehmen will; ich werde dich nach allerlei Waren fragen, worauf du stets antwortest, du erwartest sie demnächst. Die Kaufleute werden mich dann fragen, wer du seist: Da will ich ihnen viel Gutes und Schönes von dir erzählen und dir ein geräumiges Magazin für deine Waren verschaffen; stelle dich nur recht reich: Wenn ein Bettler zu dir kommt, so gib ihm recht viel Almosen, damit man meinen Worten glaube. Ich werde dann dir zu Ehren eine große Mahlzeit geben, die angesehensten Kaufleute einladen und sie mit dir bekannt machen. Du kannst nach Belieben handeln, denn du findest überall Kredit und in kurzer Zeit kannst du ebenso reich sein, wie ich." Am folgenden Morgen benahm sich Maruf so, wie Ali mit ihm verabredet hatte, und dieser nannte Maruf den ersten Kaufmann der Welt und sagte von ihm, er habe Handelshäuser in Ägypten, in Indien, in Arabien und China, und besitze so viele Waren, daß kein Feuer sie verzehren könne. "Neben ihm", sagte Ali, "bin ich ein ganz untergeordneter Krämer!" Als die Kaufleute Ali so sprechen hörten, faßten sie eine hohe Meinung von Maruf und boten ihm alle ihre Waren an: Auch warteten sie ihm einer nach dem anderen mit allerlei Kuchen und Sorbetten auf.
Während Maruf sich mit dem Obersten der Kaufleute unterhielt, kam ein Bettler vor Alis Laden und bat um ein Almosen. Die Kaufleute gaben ihm einige Pfennige, Maruf aber griff in die Tasche und reichte ihm eine ganze Hand voll Dinare hin, was den Kaufleuten noch eine höhere Meinung von seinen Reichtümern beibrachte. Bald kamen aber so viel Bettler, daß Maruf, der einem jeden eine Handvoll Geld schenkte, nichts mehr von den tausend Dinaren übrigblieb. Da schlug er die Hände zusammen und sagte: "Wie es scheint, gibt es hier viele Arme; hätte ich das gewußt, so hätte ich einen ganzen Sack voll Dinare mitgebracht; was soll ich nun tun, wenn ein Armer mich um etwas bittet, da ich kein Geld mehr bei mir habe?" - "Sage ihm: Gott stehe dir bei!" antwortete der Vorsteher der Kaufleute. "Das kann ich nicht", versetzte Maruf; "willst du mir nicht für die Armen tausend Dinare leihen, bis meine Waren ankommen?" - "Recht gern!" antwortete der Vorsteher und schickte sogleich einen seiner Diener nach Hause, um das Geld zu holen, Maruf verteilte auch dieses Geld wieder unter die Armen, welche vor der Moschee, wo er sein Mittagsgebet verrichtete, sich um ihn drängten, Er ließ sich dann von einem anderen Kaufmann wieder tausend Dinare leihen, die er bei dem Nachmittagsgebet austeilte, dasselbe tat er beim Abend- und Nachtgebete, so daß er an diesem Tag fünftausend Dinare verschenkte.
Ali sah ihm mit Bewunderung zu, durfte aber, ohne sich selbst zum Lügner zu machen, nichts sagen. Des Nachts war eine große Mahlzeit bei Ali, während welcher Maruf nicht aufhörte, von seinen vielen Waren und Edelsteinen zu reden. Am folgenden Tag wendete er sich wieder an andere Kaufleute und fuhr so fort, bis er sechzigtausend Dinare entlehnt hatte. Als aber noch immer keine Waren ankamen, verloren doch die Kaufleute ihr Vertrauen zu ihm und fragten Ali, warum denn Marufs Waren so lange ausblieben. Ali wußte ihnen nichts zu sagen als: "Habt Geduld, sie werden bald ankommen." Als er aber allein mit Maruf war, machte er ihm Vorwürfe darüber, daß er so viele Schulden mache, die er nie zu zahlen imstande wäre, da er nichts besitze noch etwas durch Handel zu erwerben suche, "Was sind sechzigtausend Dinare?" erwiderte Maruf; "wenn meine Waren kommen, so lasse ich meinen Gläubigern die Wahl, ob sie Geld oder Waren wollen." Ali nannte ihn einen Lügner und drohte ihm, ihn vor allen Leuten zuschanden zu machen; indessen konnte er, ohne sich selbst zum Lügner zu stempeln, nichts gegen ihn sagen, denn das Sprichwort lautet, Wer jemanden lobt, dann schmäht, der lügt zweimal. Als daher die Kaufleute wieder zu ihm kamen, sagte er ihnen: "Ich wage es nicht, Maruf etwas zu sagen, weil er mir selbst auch tausend Dinare schuldig ist, übrigens habe ich euch keineswegs geraten, ihm Geld zu leihen, wollt ihr also die Ankunft seiner Karawane nicht abwarten, so klagt ihn bei dem König an." Die Kaufleute begaben sich hierauf in den Diwan und trugen dem König ihre Klage vor, Als aber der König hörte, daß Maruf alles entlehnte Geld wieder an Arme verschenkt habe, dachte er: Dieser Mann ist kein Gauner, er ist gewiß außerordentlich reich und erwartet die kostbarsten Waren, die es nur gibt, darum will ich mir ihn zum Freund machen, so daß seine Schätze mir und nicht diesen Kaufleuten, die schon reich genug sind, zufließen. Übrigens will ich einmal an einer Perle, die ich besitze, sehen, ob er dergleichen wertvolle Gegenstände zu schätzen weiß, Der König ließ also Maruf zu sich rufen. Dieser bestätigte die Aussage der Kaufleute und erklärte, er würde bei Ankunft der Karawane einen jeden nach Wunsch mit Geld oder Waren befriedigen. Der König zeigte ihm hierauf eine Perle, so groß wie eine Haselnuß, die er für tausend Dinare gekauft hatte, und fragte ihn, wieviel sie wert sei. Maruf nahm sie zwischen seine Finger, zerdrückte sie und sagte lachend: "Das ist keine Perle: Was nicht so groß als eine Nuß ist, verdient den Namen Perle nicht, doch ihr seid arme Leute, darum schlagt ihr auch so eine Perle hoch an, bei uns aber gibt es Perlen, welche siebzigtausend Dinare wert sind." Des Königs Habsucht wurde dadurch noch mehr gereizt und er fragte Maruf, ob
er solche Perlen erwarte und ob sie ihm feil sein werden?" - "Ich erwarte deren eine große Anzahl", erwiderte Maruf, "und werde dir mit Vergnügen einige davon zum Geschenk machen." Der König entließ dann die Kaufleute mit dem Befehl, die Ankunft der Karawane abzuwarten, und beauftragte den Vezier, Maruf die Prinzessin anzutragen; denn auf diese Weise, dachte er, gelange ich am sichersten zum Besitz aller seiner Kostbarkeiten. Der Vezier versuchte vergebens Maruf als Gauner darzustellen. Der König hörte ihn nicht an, weil er glaubte, er möchte lieber die Prinzessin seinem eigenen Sohn zur Frau geben. So mußte denn der Vezier zu Maruf gehen und ihm die Tochter des Königs als Gattin antragen. Maruf nahm die Heiratsvorschläge an, sagte jedoch, er wolle mit der Hochzeit bis zur Ankunft der Karawane warten, denn er brauche fünftausend Beutel zur Morgengabe, tausend Beutel für die Armen in der Hochzeitnacht, ebensoviel für die Frauen der Prinzessin, auch müsse er hundert Perlen für die Königin haben und ebensoviel für die Sklavinnen der Prinzessin, auch wolle er wenigstens tausend Arme kleiden, und das alles könne er erst nach
Ankunft der Karawane. Als der Vezier mit dieser Antwort zum König zurückkehrte, bat er ihn nochmals, vorsichtig zu sein und dergleichen Windbeuteleien nicht zu glauben; der König wurde aber immer begieriger nach Marufs Reichtümern, drohte dem Vezier mit dem Tod, wenn er noch etwas gegen Maruf verlauten lasse, und befahl ihm, ihn zu holen. Der König sagte ihm dann: "Deine Gründe, die Hochzeit mit der Prinzessin zu verschieben, sind nicht triftig genug; hier hast du den Schlüssel zu meiner gefüllten Schatzkammer, nimm daraus so viel Geld, als du brauchst; wenn die Karawane anlangt, kannst du mir ja alles ersetzen."
Der König ließ dann den Großmufti holen und den Ehekontrakt schreiben; die Festlichkeiten begannen, die Stadt war geschmückt, die öffentlichen Schauspiele, denen Maruf auf einem hohen Thron beiwohnte, belustigten die ganze Stadt. Maruf warf Hände voll Geld unter die Ringer, Taschenspieler und Musiker, und verschenkte so viel an Arme, daß der Schatzmeister zum großen Ärger des Veziers gar nicht Geld genug herbeischaffen konnte. Diese Festlichkeiten dauerten vierzig Tage lang; am einundvierzigsten Tag wurde erst die Hochzeit mit erstaunlicher Pracht gefeiert. Als Maruf des Nachts allein bei der Prinzessin war, schlug er die Hände übereinander und rief: "Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!" -"Was hast du?" rief die Prinzessin; "warum seufzest du so?" - "Dein Vater", antwortete Maruf, "hat unsere Hochzeit so übereilt: Ich wollte warten, bis die Karawane ankommt, da wäre ich auch imstande gewesen, dir deiner würdige Geschenke zu machen, aber so schäme ich mich vor dir und deinen Sklavinnen, denen ich auch, uni dich dadurch zu ehren, von meinen Perlen schenken wollte." - "Gräme dich nicht darüber", erwiderte die Prinzessin; du bist niemandem etwas schuldig, und was du geben willst, wird später ebenso angenehm sein; laß uns deshalb die Freuden der Hochzeitsnacht nicht vergessen." Maruf setzte noch zwanzig Tage lang sein bisheriges Leben fort und verschenkte, was die Schatzkammer an Geld und Ehrenkleidern enthielt. Am einundzwanzigsten Tag, als der König allein mit seinem Vezier war, trat der Schatzmeister zu ihm herein und meldete ihm, daß die Schatzkammer bald erschöpft wäre. Der Vezier benutzte diese Veranlassung wieder, um Maruf als einen Abenteurer darzustellen, so daß der König, wegen des aIlzulangen Ausbleibens der Karawane selbst argwöhnisch, zum Vezier sagte:
"Wie fangen wir es an, um endlich einmal Gewißheit über den wahren Zustand Marufs zu erhalten?" - "Das beste ist", antwortete der Vezier, "du bittest deine Tochter, in Maruf zu dringen, daß er dir die Wahrheit über seinen früheren Stand gestehe, denn selten kann ein Mann lange seiner Frau ein Geheimnis vorenthalten." - "Das soll geschehen", versetzte der König, "und ist er ein Lügner, so soll er den schlimmsten Tod sterben." Er ließ sogleich seine Tochter rufen, und der Vezier, den nur ein Vorhang von ihr trennte, belehrte sie, wie sie es anzufangen habe, um hinter die Wahrheit zu kommen. Die Prinzessin, welche selbst der vielen Prahlereien und Versprechungen ihres Gatten müde war, erbot sich, alles aufzubieten, um ihm sein Geheimnis zu entreißen. Als er des Abends nach Hause kam, trat sie ihm mit vielen Liebkosungen entgegen und sagte ihm Worte, süßer als Honig. "Geliebter", redete sie ihn an, "Freude meiner Augen, Frucht meines Herzens, möge das Schicksal uns nie trennen, denn mein Herz ist so voll von Liebe zu dir erfüllt, daß ich ohne dich nicht mehr leben könnte, Aber ich bitte dich, fahre nicht länger fort, meinen Vater in bezug auf deine Reichtümer zu täuschen, er wird einmal die Wahrheit erfahren und dann im Zorn Maßregeln gegen dich ergreifen, die wir nicht mehr verhindern können; gestehe mir lieber alles, ich werde dann schon Mittel finden, dich außer aller Verlegenheit zu bringen." "Nun", sagte Maruf zu seiner Gattin, "wenn du die Wahrheit hören willst, so wisse, daß ich kein reicher Kaufmann, sondern ein armer Schuhflicker aus Kahirah bin", und hierauf erzählte er ihr seine ganze Geschichte. - "Du bist ein gewandter Lügner", sagte die Prinzessin, "und hast es ziemlich weit mit deinen Lügen gebracht; indessen hielt dich der Vezier immer für einen Abenteurer, und auf seinen Rat hat mein Vater mich ersucht, alles aufzubieten, um dir dein Geheimnis zu entlocken. Ich werde mich aber wohl hüten, es ihm mitzuteilen, er würde dich mit dem Tod bestrafen, ich gälte in der Welt als die Witwe eines Schuhflickers und würde gezwungen werden, ein zweites Mal zu heiraten. Darum folge meinem Rat; hier sind fünfzigtausend Dinare, kleide dich als Mameluck, nimm ein gutes Pferd aus dem königlichen Stall, reite in ein Land, das nicht mehr meinem Vater untertan ist, und lasse dich daselbst als Kaufmann nieder; gib mir dann Nachricht von dir, damit ich dir schicke, was ich für dich auftreiben kann. Dort bleibst du, bis mein Vater stirbt, dann lasse ich dich sogleich wieder hierher rufen; stirbt aber eines von uns zuerst, nun, so wird der Tag der Auferstehung uns vereinen." Maruf nahm zärtlich Abschied von seiner Gattin und machte sich vor Tagesanbruch auf den Weg. Einige Stunden darauf ließ der König seine Tochter kommen, um zu hören, was sie von Maruf entlocken konnte. "Gott schwärze das Angesicht deines Veziers", sagte die Prinzessin. "Als gestern Nacht mein Gatte bei mir war, trat mein Eunuche mit einem Brief herein und sagte: Zehn Mamelucken, welche vor dem Schlosse stehen, haben ihn gebracht. Ich öffnete den Brief, und siehe da, er war von den fünfhundert Mamelucken, welche meines Gatten Karawane begleiteten; sie meldeten ihm, daß sie von Arabern angegriffen worden und in einem langen Kampf zweihundert Lasttiere verloren haben, sie seien darum so lange ausgeblieben, weil sie, um ihre Ladungen wieder zu erlangen, mehrere Angriffe auf die Räuber gemacht hätten. Mein Gatte rief dann, Gott verdamme meine Mamelucken! War es wohl der Mühe wert, wegen zweihundert Ladungen mich so lange in Verlegenheit zu lassen? Das macht ja höchstens siebentausend Dinare, Aber ich will mich schnell aufmachen und ihnen entgegengehen, damit sie sogleich kommen, Hierauf verließ er mich, ohne im mindesten über den erlittenen Verlust betrübt zu sein, und ritt mit zehn Mamelucken davon, welche schöner waren, als der Mond, und deren jeder ein Kleid anhatte, das wenigstens zweitausend Dinare wert war, Ich dankte Gott, ihm noch keinen Zweifel über seine Reichtümer gemacht zu haben, er würde sonst mich und dich verspotten." So wurde der Vezier abermals zum Schweigen gebracht und vom König mit Vorwürfen überhäuft. Maruf ritt indessen, von herbem Schmerz gefoltert, immer vorwärts, bis gegen Mittag. Da fand er in der Nähe eines kleinen Dorfes einen Bauern an seinem Pflug; er grüßte ihn und bat ihn, ihm etwas zu essen zu verschaffen, Der Bauer, welcher ihn für einen Mamelucken des Königs hielt, lud ihn ein, abzusteigen und sein Gast zu sein. "Du hast ja selbst nichts", sagte Maruf, -
"Steige nur ab", erwiderte der Bauer, "ich eile ins Dorf und hole dir zu essen. " - "Aber ich kann ja selbst ins Dorf gehen", versetzte Maruf, "und mir etwas zu essen auf dem Markt kaufen." Darauf antwortete der Bauer: "Das Dorf ist so klein, daß es in demselben keinen Markt gibt, darum warte lieber hier, ich gehe schnell und hole dir etwas." Während nun der Bauer ins Dorf lief, dachte Maruf: Ich will einstweilen weiter pflügen, damit der arme Mann keine Zeit verliere, M er aber die Ochsen antrieb, stieß der Pflug auf etwas Hartes, und das Vieh konnte ihn nicht vom Platz bringen, Da er sehen wollte, was den Pflug aufhalte, fand er einen goldenen Ring an eine marmorne Tafel befestigt. Er räumte die Erde weg, hob die Platte auf und entdeckte eine Treppe, die in ein unterirdisches Gemach, so groß wie ein Badesalon, führte, welches ganz mit Gold, Smaragden, Perlen, Rubinen und anderen Edelsteinen gefüllt war. Er sah unter anderem auf einen kristallenen Koffer, welcher mit Perlen von der Größe einer Nuß gefüllt war, ein kleines goldenes Kästchen, dessen feine Arbeit seine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich zog; er öffnete es und fand einen goldenen Siegelring darin mit allerlei Talismanen beschrieben, so klein wie Ameisenfüße, Als er an dem Ring ein bißchen rieb, ließ sich eine Stimme hören: "Was beliebt, was beliebt? mein Herr! Fordere nur, es wird dir alles gewährt. Soll ich ein Land blühend machen? Soll ich eine Stadt verwüsten? Einen König töten, oder einen Sturm aus der Erde hervorrufen? Der Schöpfer des Tages und der Nacht erlaubt mir, alle eure Befehle zu vollziehen." - "Wer bist du denn?" fragte Maruf. - "Ich bin der Diener dieses Ringes", antwortete der Geist, "und gehorche dem, der ihn besitzt. Mir ist alles möglich, denn ich gebiete über alle Genienhäupter
und meine Armee besteht aus unzählbaren Geistern jeder Gattung; reibe nur den Ring, sooft du mir etwas zu befehlen hast, und fordere von mir, was dir Freude macht. Reibe aber den Ring nie zweimal nacheinander, sonst bin ich des Todes." - "Wie heißt du denn?" fragte Maruf. - "Ich heiße Abu Saadat (Glücksvater), war der dienstbare Geist des Königs Schadad, der Sohn Ads, und du befindest dich in seiner Schatzkammer, wo er mich aufbewahrte." - "Kannst du", fragte Maruf, "diese Schätze auf die Oberfläche der Erde bringen?" - "Nichts leichter als dies", antwortete Abu Saadat. Auf seinen Wink spaltete sich die Erde, und nach einer kleinen Weile erschienen hübsche junge Burschen - es waren die Söhne Abu Saadats - mit goldenen Tragkörben, und trugen alles, was in der Schatzkammer war, auf die Oberfläche der Erde. Nachdem die Söhne Abu Saadats diese Arbeit verrichtet hatten, fragte dieser seinen Herrn, was er nun weiter befehle. "Jetzt", sagte Maruf, "bringe mir Kisten und Maulesel, lege alle diese Schätze in Kisten und lade sie den Mauleseln auf." Abu Saadat stieß einen Schrei aus und sogleich erschienen seine achtundert Söhne, von denen die einen die Gestalt von Mauleseln und die anderen die von Treibern und Knechten annahmen. Letztere brachten dann Kisten herbei, und die Schätze waren so zahlreich, daß sie dreihundert Maulesel damit beluden. Maruf forderte dann noch hundert Ladungen von den feinsten Stoffen Ägyptens, Syriens, Griechenlands, Persiens und Indiens. Abu Saadat versprach bis zum folgenden Morgen alles zu liefern, und sandte sogleich Genien nach allen diesen Ländern aus, um die gewünschten Waren zu holen. Maruf erbat sich hierauf ein Zelt, um die Nacht darunterzuzubringen. Abu Saadats Söhne schlugen ein schönes Zelt auf und brachten ihm auch einen Tisch mit Speisen beladen.
In diesem Augenblick kam der Bauer mit einer Schüssel voll Linsen aus dem Dorf zurück und wollte sie Maruf anbieten; als er ihn aber in einem königlichen Zelt von Mamelucken umgeben sah, hielt er ihn für den Sultan und dachte: Hätte ich doch ein paar Hühner geschlachtet und gebacken; er wollte schon wieder umkehren, um dies zu tun, da rief ihn Maruf zu sich und fragte ihn, was er in der Hand habe. "Ich habe nur Linsen", antwortete der Bauer verlegen, "und ein bißchen Gerste für dein Pferd; ich glaubte nicht, daß der Sultan hierher kommen würde, sonst hätte ich Hühner geschlachtet. " - "Gib sie her", versetzte Maruf, "da du, ohne mich zu kennen, mich bewirten wolltest, so will ich auch dein Gericht nicht verschmähen. Indessen bin ich nicht der Sultan, sondern sein Schwiegersohn, ich habe ihn nach einem Wortwechsel plötzlich verlassen, nun schickte er mir aber seine Mamelucken nach, um sich wieder mit mir zu versöhnen, ich reise daher wieder zur Hauptstadt zurück." Er aß dann die Linsen, füllte die Schüssel, in der sie waren, mit Gold und lud den Bauer ein, ihn in der Stadt zu besuchen.
Der Bauer kehrte glückselig mit seinem Gespann in sein Dorf zurück, und Maruf brachte die Nacht in fröhlicher Gesellschaft von Genientöchtern zu. Am folgenden Morgen rückten die Genien mit den fremden Stoffen heran, Abu Saadat ritt als Karawanenführer voraus und meldete Maruf, daß alles zum Aufbruch bereit sei. Maruf schrieb dem König einen Brief, in welchem er ihm seine Ankunft an der Spitze der Karawane meldete, und ihn bat, ihm mit einigen Truppen entgegenzukommen. Diesen Brief befahl er Abu Saadat durch einen Genius in Gestalt eines Boten voraus zum König der Stadt Ichtian zu schicken. Der König war eben im Gespräch mit dem Vezier, welcher behauptete, Maruf sei entflohen, um nicht zuschanden zu werden, als Marufs Brief anlangte. Der König machte dem Vezier neue Vorwürfe, sobald er den Brief gelesen hatte, gab Befehle, die Stadt festlich zu schmücken, und ging zu seiner Tochter, um ihr die erhaltene Nachricht mitzuteilen. Die Prinzessin war außer sich vor Freude, und dachte bei sich selbst: Gewiß hat Maruf mich nur prüfen wollen; gottlob, daß ich so gegen ihn verfuhr. Nicht minder als die Prinzessin war Ali erstaunt, als er die Vorbereitungen zur Ausschmückung der Stadt sah, und hörte, sie gelte der Rückkehr Marufs mit einer großen Karawane. Dieser bestieg, sobald der Bote zurück war, eine Sänfte und ließ nicht anhalten, bis er dem König mit seinen Truppen begegnete, dann zogen sie zusammen mit großem Pomp in die Stadt, wo alle Kaufleute ihn zu begrüßen kamen. Auch Ali stellte sich ein, und da er glaubte, das Ganze sei nur eine List der Prinzessin, sagte er: "Willkommen, Abenteurer, du hast deine Sache gut gemacht." - "Maruf lachte. Als er in den Palast kam, ließ er die Maultiere abladen, die Lasten Gold in die Schatzkammer seines
Schwiegervaters tragen, die kostbarsten Stoffe, Perlen und Edelsteine aber vor sich bringen. Er ließ dann die Kisten öffnen und nahm die schönsten Stoffe und Edelsteine heraus für die Frauen und Diener des Königs, mit den übrigen bezahlte er die Kaufleute und beschenkte alle Armen der Stadt. Dann griff er zu den Smaragden, Rubinen und anderen Edelsteinen und verteilte sie unter die Truppen. Vergebens rief ihm der König zu: "Es ist genug, mein Sohn! Es bleiben ja nur wenige Lasten für dich übrig. " Er verschenkte aber immerfort und sagte: "Ich habe noch viel", und in der Tat brachte ihm sein Diener soviel er wollte. Niemand wagte es mehr, nach dem soeben Vorgefallenen an Marufs Worten zu zweifeln, um so weniger, als gerade der Schatzmeister hereintrat und dem König sagte, die Schatzkammer sei voll und noch bleibe viel Gold übrig, er möchte ihm doch einen anderen Platz dafür anweisen. Maruf begab sich dann zu seiner Frau, welche ihm lachend entgegenkam, und er erbat sich von
Abu Saadat für sie ein prächtiges Kleid und eine Halskette von vierzig Solitärperlen nebst äußerst wertvollen Armbändern, Ohrringen und Gürteln. Sie wurde fast närrisch vor Freude, als sie alles dies sah, und sagte zu Maruf: "Ich will dieses Kleid und diesen Schmuck für Festtage aufbewahren." - "Das ist nicht notwendig", versetzte Maruf, "denn ich habe deren noch viele." Als er wieder allein war, bestellte er bei Abu Saadat hundert Kleider mit Schmuck für die Sklavinnen seiner Gattin. Sie zogen sie an und leuchteten wie die Sterne um die Prinzessin, welche dem Mond glich. Der König wußte nicht mehr, was er von allen diesen
Schätzen denken sollte; und als er den Vezier um seine Ansicht darüber fragte, sagte dieser: "König der Zeit, ein Kaufmann ist weder so freigebig, noch so reich, als dein Schwiegersohn, selbst Könige sind selten beides in einem so hohen Grad, hier liegt gewiß irgend ein Geheimnis verborgen; folge daher meinem Rat und lade Maruf mit mir zu einem Spaziergang in deine Gärten ein, dort stellst du uns Wein vor, und wir geben ihm so viel zu trinken, daß er die Besinnung verliert und sein Geheimnis offenbart; wir ergreifen dann die nötigen Maßregeln für deine Sicherheit, denn ein so reicher Mann könnte dir gefährlich werden." Der König fand diesen Rat gut und beschloß, ihn am folgenden Tag auszuführen; sein Entschluß war noch fester, als am folgenden Morgen seine Diener ihm das Verschwinden der Maulesel und der Mamelucken, die mit Maruf gekommen, meldeten und dieser dazu lachte, als wäre ein Verlust von tausend Mauleseln und fünfhundert Mamelucken gar nicht anzuschlagen. Maruf wurde daher zum verabredeten Spaziergang eingeladen, und im Pavillon des Gartens wurde er solange zum Trinken beredet, bis er nicht mehr wußte, was er sagte. Jetzt bat ihn der König, er möchte ihn doch mit den näheren Umständen seines Lebens bekanntmachen, denn weder seine Schätze noch seine Freigebigkeit seien die eines Kaufmanns. "Gewiß", sagte der König, "bist du irgend ein Sultan oder ein Prinz. " - "Ich bin keines von beiden", erwiderte Maruf, und erzählte hierauf seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Da sagte der Vezier: "Zeige mir doch einmal diesen Ring." Maruf zog ihn aus und gab ihn dem Vezier. Dieser rieb sogleich daran, und als Abu Saadat erschien, sagte er ihm: "Trage diesen Mann in eine öde Wüste, wo er weder Trank, noch Nahrung
findet, und keinem Menschen begegnet." Abu Saadat nahm ihn auf den Rücken, erhob sich mit ihm, trug ihn in das unbewohnte Viertel der Welt und sagte zu ihm: "Du verdienst noch schlimmeres, weil du einen solchen Talisman so leichtsinnig hergabst." - "Siehst du", sagte der Vezier zum König, "daß ich doch recht hatte, als ich Maruf für einen Gauner hielt." - "Du hast recht Vezier", antwortete der König, "Gott erhalte dich! Zeige mir auch einmal den Ring." -"Blödsinniger Mensch", versetzte der Vezier ganz zornig, "jetzt bin ich Herr, glaubst du wohl, ich werde dir den Ring geben, um wieder dein Diener zu werden?" Er rieb hierauf
wieder an dem Ring und befahl dem Diener des Ringes, den König zu seinem Schwiegersohn zu tragen. Der Vezier versammelte dann die Häupter seiner Truppen, erzählte ihnen alles, was zwischen ihm, dem König und Maruf vorgefallen, und sagte ihnen: "Wollt ihr mich nun als König anerkennen, gut, wo nicht, so befehle ich dem Diener des Ringes, euch alle in öde Wüste zu bringen, wo ihr vor Hunger und Durst sterben müßt." - "Tat uns nichts zuleide", riefen alle: "Wir wollen dir gerne huldigen und allen deinen Befehlen gehorchen." Er schickte dann zur Prinzessin und ließ ihr sagen, sie möchte sich auf diesen
Abend zu seinem Besuch vorbereiten. Sie ließ ihn bitten, doch wenigstens die gesetzlich bestimmte Frist für eine Frau, die ihren Mann verloren, ablaufen zu lassen. Er antwortete aber, er wisse nichts von gesetzlicher Frist, noch von Ehe-Kontrakt, sie müsse ihn diesen Abend empfangen. Die listige Prinzessin zog des Abends ihre schönsten Kleider an, empfing den Vezier mit heiterem Gesicht und war so freundlich und zuvorkommend gegen ihn, daß er, vor Liebe und Leidenschaft ganz außer sich, sie umarmen wollte. Da sagte sie: "Siehst du nicht den Mann, der uns beobachtet? Ich beschwöre dich bei Gott, entferne ihn!" - "Wo ist ein Mann, der uns zusieht?" fragte der Vezier erstaunt. - "Er streckt seinen Kopf aus dem Stein des Siegelringes hervor", antwortete die Prinzessin, "lege ihn doch ab, denn ich fürchte mich vor Genien." Der Vezier, welcher glaubte, sie sehe wirklich den Diener des Ringes, legte ihn auf das Kissen und näherte sich ihr wieder. Sie stieß ihn aber zurück, daß er ohnmächtig hinfiel, rief ihre Diener herbei und ließ ihn festnehmen; unterdessen rieb sie an dem Ring und befahl Abu Saadat, den Vezier in das schwärzeste Gefängnis zu sperren und ihren Vater und Gatten zu ihr zu bringen. Sie setzte ersteren wieder zum König ein und ließ letzteren zum Großvezier ernennen, den Ring gab sie aber nicht mehr aus der Hand. Am folgenden Tag war diese neue Wendung der Dinge den Häuptern der Truppen und Staatsräten mitgeteilt, die sich außerordentlich freuten, von einem gottlosen Mann, wie der Vezier war, befreit zu sein und ihn zum Tod verurteilt zu wissen.
Nach fünf Jahren starb der König, da folgte ihm Maruf auf dem Thron, den Ring aber gab ihm seine Gattin erst nach anderen fünf Jahren, als sie auf dem Sterbebett lag, und empfahl ihm denselben so angelegentlichst, wie ihren Sohn, der damals fünf Jahre alt war. Eines Nachts, als Maruf nach dem Tod seiner Gattin sich allein niederlegte, fühlte er schon halb schlafend, jemanden neben sich liegen; er schlug erschrocken die Augen auf und rief Gottes Schutz gegen die Teufel an, und siehe da, seine Frau Fatma lag neben ihm, noch viel häßlicher, als sie früher war. "Wie bist du hierhergekommen?" fragte Maruf erstaunt. - "Wisse", hob sie an,
"daß ich bald nach deinem Verschwinden es sehr bereute, dir so viel Verdruß gemacht zu haben; auch sah ich ein, was ich an dir besessen hatte, denn seit deiner Abreise mußte ich um jedes Stückchen Brot betteln. Gestern ging ich auch lange auf den Straßen bettelnd umher und niemand gab mir etwas, manche beschimpften mich sogar, so daß ich hungrig nach Hause ging und weinte. Da erschien mir ein Geist und fragte mich: Warum weinst du so? Ich antwortete: Weil ich nicht weiß, wo mein Gatte hingekommen ist, der, solange er bei mir war, mich mit allem nötigen versorgte. - Dein Gatte, sagte der Geist, ist jetzt Sultan der Stadt Ichtian; wenn du willst, so trage ich dich zu ihm. Ich bat ihn, es zu tun, und er nahm mich auf seinen Rücken, flog mit mir eine Weile in der Luft zwischen Erde und Himmel, dann setzte er mich in diesem Schloß ab, bezeichnete mir dein Schlafzimmer und sagte: Hier liegt dein
Gatte. So ging ich denn herein, in der Hoffnung, du werdest mich nicht verstoßen." Sie bat dann so lange um Erlaubnis, bei ihm zu bleiben, bis er ihren Wunsch erfüllte, jedoch drohte er ihr mit dem Tod, bei der ersten Bosheit, die sie wieder gegen ihn ausüben würde. "Hier", sagte er, "fürchte ich deine Klagen nicht, denn ich besitze einen Ring, mittelst welchem ich nur Gott zu fürchten habe, sobald ich daran reibe, erscheint mir ein Geist, der alle meine Befehle vollzieht. Ich lasse dir die Wahl, ob du nach Hause zurückkehren willst, da sollst du so viel Geld haben, daß du bis zum Tod im Überfluß leben kannst, oder ob du bei mir zu bleiben wünschest, da räume ich dir eine herrlich möblierte Wohnung im Schloß ein, schenke dir zwanzig Sklavinnen zu deiner Bedienung und verschaffe dir die schönsten Kleider und die schmackhaftesten Speisen und Getränke." Fatma wünschte bei ihm bleiben zu dürfen, und lebte einige Zeit wie eine Königin.
Bald hatte sie aber großes Mißfallen an Marufs Sohn und noch größeren Ärger Ober Maruf selbst, der bei aller Fürsorge jedoch nicht mehr als Gatte mit ihr lebte, denn sie war alt und hatte ihn zu tief gekränkt. Sie ließ sich daher vom Teufel die Idee eingeben, sich des Ringes zu bemächtigen, ihn zu töten und selbst den Thron zu besteigen. So schlich sie eines Nachts aus ihrem Gemach in das Marufs, im Augenblick, wo er herausging und sie wohl wußte, daß sein Ring auf dem Kissen lag. Aber Marufs Sohn hatte sie gesehen, und es war ihm aufgefallen, daß seine Stiefmutter zu einer ganz ungewöhnlichen Stunde in seines Vaters Schlafzimmer gehe; er folgte ihr daher leise mit einem Schwert umgürtet, das er schon als Kind trug, und als er sah, daß sie den Ring nahm, sich damit freute und schon daran reiben wolle, zog er sein Schwert und schlug ihr den Hals ab. Maruf umarmte seinen Sohn und
verspottete ihn nicht mehr wegen seines Schwertes. Am folgenden Tag ließ er Fatma beerdigen und bald darauf heiratete er die Tochter des Bauern, der ihn auf seiner Flucht bewirtet hatte, und ernannte seinen Schwiegervater zu seinem Großvezier. So lebte er
nun viele glückliche Jahre, bis der allen Freuden ein Ende machende Tod ihn heimsuchte. Gepriesen sei der Ewigdauernde!
Als Schehersad, welche während der tausend und einen Nächte dem König drei Söhne geboren, diese Erzählung vollendet hatte, warf sie sich vor dem Sultan nieder und sprach: "König der Zeit, Herr deines Jahrhunderts, darf ich nun als Lohn für meine Erzählung mir eine Gnade ausbitten?" - "Wünsche, was du willst, Schehersad, es werde dir gewährt!" antwortete der Sultan. Da rief sie die Ammen und befahl ihnen, ihre Kinder herbeizubringen. Die Ammen brachten drei Knaben, von denen der eine schon laufen konnte' der andere kroch und der dritte noch am Busen seiner Amme lag. "König der Zeit", sagte Schehersad, "hier sind deine Kinder; ich bitte dich, um ihretwillen mir das Leben zu schenken, damit die armen Kinder nicht mutterlos werden." Der König, bis zu Tränen gerührt, umarmte seine Kinder und sagte: "Bei Gott! Schehersad, ich habe dir schon längst verziehen, denn du bist tugendhaft und rein; Gott segne dich und die Deinigen!" Schehersad küßte dem König die Hand und wünschte ihm noch ein langes, glorreiches Leben. Die Freude verbreitete sich sogleich im ganzen Palast und bald darauf in der ganzen Stadt. Es war eine äußerst freudige Nacht, lichter als der hellste Tag. Am folgenden Morgen schenkte der König in Anwesenheit aller Truppen seinem Schwiegervater, dem Vezier, ein prachtvolles Ehrenkleid und dankte ihm dafür, daß er ihm seine Tochter zur Frau gegeben, welche ihn von ferneren Mordtaten abhielt. Er beschenkte dann auch die übrigen Veziere, Emire und Großen des Reiches und ließ die Stadt auf seine Kosten beleuchten, allerlei öffentliche Spiele und Belustigungen veranstalten und den Armen viele Almosen aus seiner Schatzkammer austeilen. Er herrschte dann noch viele Jahre in Glück und Freude, bis ihn der Tod überraschte, mit dem alles
irdische endet. Gepriesen sei der, an dem die Zeit nichts ändert, und Friede sei mit seinem Gesandten Mohammed, der Zierde aller Sterblichen!